Drei Jahre Regelbetrieb von Digital Radio Mondiale - eine katastrophale Bilanz

letzte Aktualisierung: 01.02.2007


Bei manchen Innovationen liegen zwischen Realität und den Wunschvorstellungen der Erfinder Welten. Zu einem Musterbeispiel entwickelt sich Digital Radio Mondiale (DRM). Jahrelang wurde geforscht, entwickelt und getestet. Vor drei Jahren befanden die im DRM-Konsortium zusammengeschlossenen Firmen, Institutionen und Sendeanstalten, dass die neue digitale Übertragungstechnik ausgereift sei und erklärten den "Regelbetrieb" für eröffnet.

Eine nennenswerte Marktbedeutung hat DRM bislang nicht gewonnen. Im Gegenteil, die digitalen Aussendungen werden von nicht wenigen Hörern aufgrund ihrer breitbandigen Signale eher als Störquelle empfunden. Auch die Zukunft lässt aufgrund konzeptioneller Probleme keinen Erfolg von DRM vermuten.

Bei oberflächlicher Betrachtung liegt die Erfolglosigkeit von DRM darin begründet, dass die Geräteindustrie keine DRM-Empfänger auf den Markt bringt. Von Exoten wie Morphy Richard und Starwaves abgesehen. Die nicht vorhandenen Empfänger sind nur das Symptom, nicht jedoch die Ursache des DRM-Desasters. Es gibt nur zwei Erklärungen für das Ausbleiben der DRM-Empfänger: Entweder gibt es drei Jahre nach Aufnahme des Regelbetriebs immer noch ungelöste technische Probleme oder die Geräteindustrie schätzt die Chancen von DRM eher bescheiden ein.

Man kann getrost davon ausgehen, dass die Industrie in der Lage gewesen wäre, eventuell noch bestehende kleinere technische Probleme zu beseitigen. Um größere Probleme sollte es sich drei Jahre nach Aufnahme des Regelbetriebs nicht handeln.

Bleibt also die Markteinschätzung der Industrie als Erklärung. Nur wenn sich ein tragfähiges Marktpotenzial abzeichnet, lohnt sich der Entwicklungs- und Vertriebsaufwand für die Hersteller. Diese haben wahrscheinlich folgendermaßen kalkuliert: DRM bietet im Vergleich zu den konkurrierenden Übertragungswegen wie UKW, Internet und Satellit kaum bzw. keine Vorteile. Für die nationale Versorgung und zur Übertragung von Musikprogrammen taugt DRM aufgrund der im Vergleich zu UKW schlechteren Übertragungsqualität nicht oder nur bedingt. Für die internationale Versorgung bieten Satellit und Internet im Vergleich zu DRM die gleiche oder sogar eine bessere Audioqualität bei besserer Übertragungssicherheit. Bei DRM ist mit Empfangsproblemen bis hin zum längerem Totalausfall zu rechnen. Die Konkurrenz durch das Internet wird zunehmen, da die Zahl der breitbandigen Internetanschlüsse weiter steigt. Kurz- und Mittelwelle verlieren ihr Monopol, Rundfunkprogramme über weite Distanzen zu übertragen. Mit anderen Worten, es konkretisiert sich, dass der Bedarf an DRM eher gering ist (vergleiche hierzu auch ADDX-Kurier 3/2003, Seite 12-13, "DRM: Die Technik, aber noch nicht den Markt im Griff?").

Eine interessante Fragestellung ist, ob das DRM-Konsortium - ausgehend von der zutreffenden Erkenntnis, dass der AM-Rundfunk zunehmend an Bedeutung verliert - wissentlich oder unwissentlich die Erfolgsaussichten für Digital Radio Mondiale zu rosig dargestellt hat, um so grünes Licht für die notwendigen Investitionen in die Senderinfrastruktur zu bekommen. Es ist doch erstaunlich, dass die Anbieter von Sendertechnik ihre Hausaufgaben und somit ihr Geschäft bereits gemacht haben. Auf Kosten des Steuer- und Gebührenzahlers wurden etliche AM-Sender auf DRM-Betrieb umgerüstet bzw. ganz durch neue, DRM-fähige Sender ersetzt. Dass diese Sender - zumindest derzeit - nicht benötigt werden, zeigt beispielsweise der Umstand, dass wir über viele dieser Sendeanlagen die Programme der Stimme Russlands in Englisch für Fernost auf 603, 630, 693 und 1575 kHz hören dürfen. Vermutlich wären viele dieser (überflüssigen) Investitionen ohne die DRM-Technik unterblieben.

Sendertechnik ist nicht weniger komplex als Empfängertechnik. Im DRM-Konsortium sind einige namhafte Hersteller der Unterhaltungselektronik vertreten. Warum hat das DRM-Konsortium nicht dafür Sorge getragen, dass parallel zur Sendertechnik auch die Empfangstechnik zur Marktreife gebracht wurde? Bei anderen nicht weniger komplexen Innovationen wie DVB-T, UMTS, DAB waren schließlich auch die erforderlichen Endgeräte rechtzeitig auf dem Markt. Wenn DRM jemals ernst gemeint war, hätte das DRM-Konsortium im Rahmen der Markteinführungsstrategie dafür sorgen müssen, dass zum Start zumindest ein funktionstüchtiges DRM-Gerät erhältlich ist.

Selbst wenn demnächst die (teilweise seit langem angekündigten) DRM-Empfänger von Technisat, Sangean, Himalaya und Morphy Richards bei Media Markt, Saturn & Co. in den Regalen stehen sollten, bedeutet das noch nicht, dass die Kunden kräftig zulangen. Damit die DRM-Technologie von der breiten Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen wird, müßten mehrere bekannte Markenanbieter DRM-Empfänger anbieten und entsprechend bewerben. DRM verkauft sich nicht von selbst, zumindest in der Anfangsphase handelt es sich um ein erklärungsbedürftiges Produkt. Von den Marketing- und Vertriebsschwergewichten Sony, Panasonic, Samsung und Blaupunkt (Bosch), alles DRM-Konsortiumsmitglieder, sind keine Pläne bekannt, in näherer Zukunft DRM-Empfänger auf den Markt zu bringen und so zur Lösung des DRM-Problems beizutragen.

Der Vorsitzende des DRM-Konsortiums und Direktor DRM der Deutschen Welle, Peter Senger, ist da schon weiter. Auf der Digital Radio Convention der Asia Broadcasting Union (ABU) verkündete er, dass der Analogrundfunk abgeschaltet werden könne sobald 50% der Hörer Sendungen digital empfangen. Diese Zielsetzung ist erstens nicht sonderlich ehrgeizig und zweitens ohne zeitliche Konkretisierung. Ohne Festlegung auf einen konkreten Zeitpunkt für die Zielerreichung, kann DRM ohne entsprechende Hörerschaft bis zum St.Nimmerleinstag betrieben werden. Der kostspielige Parallelbetrieb von AM und DRM wird ja mit Zwangsbeiträgen der Allgemeinheit finanziert. Das mißlungene Experiment Digital Audio Broadcasting (DAB), das in Deutschland nicht über 300.000 Hörer hinausgekommen ist, läßt grüßen.

Es wäre angebracht, wenn sich das DRM-Konsortium und die beteiligten Rundfunkanstalten, allen voran die Deutsche Welle, Überlegungen über ein Ausstiegsszenario machten und Schadensbegrenzung betrieben.

 

Dieser Beitrag ist auch in Ausgabe 2/2007 der Zeitschrift "ADDX Kurier - weltweit hören" erschienen und kann im DRM-Archiv auf der ADDX-Webseite als PDF-Datei heruntergeladen werden (siehe Links).




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