Der neue digitale Übertragungsstandard Digital Radio Mondiale (DRM) soll auf Kurz- Mittel- und Langwelle nach und nach das bisherige analoge Übertragungsverfahren, die Amplitudenmodulation (AM), ablösen.
Befürworter der Digitalisierung weisen auf die im Vergleich zu den konventionellen AM-Sendungen deutlich verbesserte Audioqualität, senderseitige Energieeinsparungen von 40% sowie die Möglichkeit, zusätzliche Datendienste zu übertragen, hin. Sie erhoffen sich dadurch eine Renaissance des Kurz-, Mittel- und des Langwellenbereichs.
Trotz dieser unbestreitbaren Vorteile wird das Thema DRM-Einführung in verschiedenen Webforen zum Teil sehr kritisch und kontrovers diskutiert. Die neue Technik hat offensichtlich nicht nur Vorteile sondern bringt auch einige Probleme mit sich.
Die Argumente, die für DRM sprechen, sind auf der offiziellen Seite des DRM-Konsortiums und auf einigen von DRM-Freunden betriebenen Webseiten ausführlich dargelegt. Die Argumente der DRM-Kritiker sind über verschiedene Internetforen verstreut und nur mit Aufwand zu finden. Diese Webseite versucht, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die mit DRM einhergehenden Probleme darzustellen. Ergänzungen, Kommentare und Kritik sind willkommen.
Mangelndes Angebot an DRM-Empfängern
Seit September 2006 ist das DAB-DRM Radio des britischen Herstellers Morphy Richards auf dem Markt, das in Deutschland für 199 € angeboten wird. DRM Befürworter setzten grosse Hoffnungen in dieses Gerät. Die Deutsche Welle weist auf ihrer Webseite sogar auf den Morphy Richards hin. Einem im Oktober-Heft der Fachzeitschrift ADDX-Kurier veröffentlichten Erfahrungsbericht zufolge waren die Empfangsergebnisse jedoch enttäuschend. Mit der eingebauten Antenne konnte auf Mittelwelle keine einzige der in diesem Frequenzbereich arbeitenden DRM-Stationen gehört werden. Der Empfang des Bayrischen Rundfunks auf 6085 kHz war zu keiner Zeit ohne Empfangsaussetzer möglich. Als die Bayern noch in AM sendeten war die Station selbst mit einfachen Analogradios gut zu hören. Unter Links finden Sie einen Direktlink zu dem ausführlichen Erfahrungsbericht.
Mitte 2007 bereicherte die Firma Himalaya mit dem DRM 2009 das Angebot an DRM-Empfängern und beendete so die Quasi-Monopol-Stellung von Morphy Richards. Der Preis beträgt 249 Euro. Die Empfangseigenschaften dieses Gerätes sind offensichtlich so katastrophal, dass sich ein Händler gezwungen sah, in einem Internetforum vor dem Kauf dieses Gerätes zu warnen.
Für ca. 1.600 Euro bietet die Firma Starwaves aus Bad Münder bei Hannover ihren digitalen High-End-Receiver W-37 an, mit dem zusätzlich zu den konventionellen Betriebsarten AM und FM auch DAB- und DRM-Sendungen empfangen werden können. Ein größeres Kontingent dieses Gerätes wurde Ende April 2006 bei Restposten.de angeboten.
Alle anderen auf dem Markt befindlichen Lösungen für DRM-Empfang basieren darauf, dass von einer "DRM-Empfangseinheit" das DRM-Signal an einen PC bzw. einen Laptop zum Dekodieren weitergeleitet wird. Diese "DRM-Empfangseinheiten" bestehen entweder aus modifizierten Weltempfängern oder aus speziellen Steckkarten, die an einen Computer angeschlossen werden. Eine solche Zusatzsteckkarte für den DRM-Empfang wird unter der Bezeichung "Digital World Traveller" von den Firma coding technologies angeboten. Weiterhin gibt es einen Elektor-Bausatz, der über die COM oder über die USB-Schnittstelle mit dem PC verbunden wird. Die Firma Starwaves hat eine sogenannte DRM-Truckbox für 399 Euro im Angebot, mit der DRM-Sendungen über ein vorhandenes konventionelles Autoradio gehört werden können.
Auch der KK-DRM01 des chinesischen Herstellers Kchibo ist kein vollwertiger DRM-Empfänger. Es handelt sich bei diesem Gerät um ein herkömmliches AM-Radio mit einem 12 kHz-Ausgang über den das DRM-Signal an einen PC zum Dekodieren weitergeleitet werden muß.
Im stationären Einzelhandel ist bislang keines der Geräte zu kaufen. Sie sind nur über Internetshops zu beziehen.
Warum gibt es trotz DRM-Regelbetriebs kein entsprechendes Angebot an DRM-Empfängern?
Die eine Erklärung wäre, dass DRM für die Hersteller von Rundfunkempfängern kein interessanter Markt ist. Die entscheidende Frage ist in diesem Zusammenhang, ob DRM einer ausreichenden Anzahl an potenziellen Käufern einen so großen Zusatznutzen bietet, der es lohnt, alte Empfangsgeräte auszumustern und in neue zu investieren.
Die andere Erklärung wäre, dass die technischen Probleme bei der Entwicklung von DRM-Empfängern größer als ursprünglich erwartet sind. Bisherige Erfahrungen mit dem DRM-Empfang deuten darauf hin, dass die Kodierung von DRM-Sendungen hohe Anforderungen an das Signal und somit an den HF-Teil eines DRM-Empfängers stellt. Ein AM-Radio für den normalen Hausgebrauch stellt hier keine besonderen Anforderungen und ist entsprechend preiswert herzustellen.
Entwertung des Empfängerbestands
Die DRM-Technik ist nicht abwärtskompatibel: Mit den "alten" Empfangsgeräten sind DRM-Sendungen nicht zu empfangen, sie sind lediglich als starkes Rauschen hörbar (hört sich auf dem Küchenradio so an...). Mit zunehmendem Einsatz der DRM-Technik wird der Bestand an analogen Empfängern technisch und wirtschaftlich entwertet. Auf seiner englischsprachigen Webseite versucht das DRM-Konsortium den Herstellern von Konsumelektronik die DRM-Technik folgendermaßen schmackhaft zu machen: "Possibility to replace 2.5 billion receivers with digital AM receivers" (Möglichkeit 2,5 Milliarden AM-Empfänger zu ersetzen).
DRM ist eine Technik für reiche Länder. DRM ist auf Sender- und auf Empfängerseite ein "high-tech" Verfahren, das viel Geld kostet. Ein verstärkter DRM-Einsatz könnte dazu führen, dass große Teile der Weltbevölkerung vom Medium Kurzwelle zunehmend ausgeschlossen werden. Schon jetzt können viele Entwicklungsländer kaum die bestehenden Kurz- und Mittelwellensender erhalten. Ob diese Länder eine Umrüstung der Senderinfrastruktur auf DRM finanzieren können, ist fraglich, zumal dort auch die meisten Hörer nicht die erforderlichen finanziellen Mittel zum Kauf des neuen digitalen Spielzeugs haben.
Die potentiellen Nutzer von DRM werden also diejenigen sein, die ohnehin schon am reichlich gedeckten Tisch sitzen: Die Bewohner der industriell entwickelten Länder sowie die Ober- und Mittelschichten in der Dritten Welt. Ob diese Konsumenten angesichts von Dutzenden Fernsehkanälen und UKW-Sendern, versorgt mit Internetanschluss und DVD, auch noch die digitalisierten Kurz- und Mittelwellen brauchen?
Auch die Betriebskosten von DRM-Empfängern könnten zumindest in Entwicklungsländern ein Problem darstellen. Schließlich will zusätzlich die Hardware für die DRM-Dekodierung mit Strom versorgt werden, was bei Batteriebetrieb nicht zu vernachlässigen ist. Der Mayah 2010 lässt sich jedenfalls wegen des hohen Verbrauchs nicht mit Batterien betreiben. Ob später auf den Markt kommende DRM-Empfänger mit Demodulationschips einen niedrigeren Verbrauch haben werden, muss sich noch zeigen.
Oft wird auf die im Vergleich zum AM-Betrieb deutlichen Energieeinsparungen bei DRM-Betrieb hingewiesen. In einem Interview anläßlich der Aufnahme des DRM-Betriebs auf der Langwelle 177 kHz, antwortete Helmut Hornreiter, technischer Direktor von Deutschlandradio, auf die Frage nach den Vorteilen eines DRM-Betriebs für den Senderbetreiber: "Für den Betreiber gibt es den Vorteil, dass er möglicherweise etwas Strom sparen kann. Also wir sparen nicht wirklich viel Strom, aber es kommt es uns ein kleines bisschen billiger, aber das ist nicht unser alleiniger Beweggrund." (Hervorhebungen durch den Verfasser). Das Ausmaß des DRM-bedingten Einsparpotenzials scheint unter Fachleuten unterschiedlich eingeschätzt zu werden.
Wird DRM ein weltweiter Standard?
Es wird zwar immer wieder gerne behauptet, dass es sich bei DRM um einen weltweiten Standard handelt. Das scheint jedoch keineswegs sicher zu sein: In den USA - einem nicht unbedingt unbedeutenden Markt - wird der Einsatz des iBiquity-Standards erwogen, der nicht kompatibel zum DRM-Verfahren ist. Kann ausgeschlossen werden, dass China, Russland, Indien oder andere Länder zusätzlich oder alternativ zu DRM andere digitale Übertragungsverfahren entwickeln? Braucht man ähnlich wie im Fernsehbereich (PAL/NTSC/SECAM) gegebenenfalls "Multinorm-Radioempfänger"?
Nicht nur in geografischer, sondern auch in zeitlicher Hinsicht ist die "Universalität" von DRM nicht per se sichergestellt. Was passiert, wenn das DRM-Verfahren weiterentwickelt wird und eine bessere, effizientere Übertragung ermöglicht wird? Müssen Radioempfänger zukünftig wie viele andere digitale Geräte (PCs, Settop-Boxen, Handys, Fotoapparaten u.a.m.) regelmäßig "upgedated" werden? Das DRM-Konsortium verneint im DRM-Rollout-Atlas (Seite 22) diese Möglichkeit, aber kann diese Linie wirklich langfristig durchgehalten werden, wenn neue Codierungsverfahren gefunden und leistungsfähigere Prozessoren entwickelt werden? Dass diese Befürchtung nicht vollkommen aus der Luft gegriffen ist, beweist ein mit "DAB-Hörer haben Angst vor AAC+" überschriebener Beitrag im Online-Magazin "reinhören". Für das chronisch erfolglose Digital Audio Broadcasting wird demzufolge diskutiert, die Dekodierung von MPEG-1-Layer-2 auf MPEG-4 umzustellen, was zur Folge hätte, dass viele DAB-Empfänger mangels Updatefähigkeit bzw. zu geringer Rechnenkapazität wertlos würden. Man muß sich darüber im klaren sein, dass ein DRM-Empfänger im Prinzip ein Computer - mit allen Vor- und Nachteilen - ist!
Die Kurz-, Mittel- und Langwelle hat in den letzten Jahren an Attraktivität verloren. Für den Hörer ist DRM nur dann von Interesse, wenn ihm dadurch zusätzliche Programme geboten werden. Hier unterscheidet sich die Situation auf Lang- und Mittelwelle grundlegend von der auf Kurzwelle. Während erstere hauptsächlich für die regionale und nationale Versorgung eingesetzt wird, richten sich Sendungen auf Kurzwelle an das Ausland.
Auf Mittel- und Langwelle konkurrieren DRM-Sender mit den etablierten UKW-Stationen. Sofern es sich bei den neuen DRM-Sendern um reine Musikstationen à la "Hitradio Antenne" handelt, dürften diese auf kurz oder lang zum Scheitern verurteilt sein. Die Audioqualität - und auf diese kommt es bei Musik im wesentlichen an - ist auf UKW deutlich besser als bei DRM. Wenn die DRM-Sender inhaltlich keine Alternative zu den bestehenden Dudelwellen bieten, besteht für die Hörer kaum ein Anreiz, DRM-Programme zu hören und in DRM-taugliche Empfänger zu investieren. Interessant wäre DRM für reine Nachrichten- und Informationsprogramme, für die die DRM-Audioqualität vollkommen ausreichend ist. Ob aber zusätzliche Informationsprogramme eine ausreichende Anzahl an Hörern binden kann, um für Betreiber von DRM-Infokanälen wirtschaftlich interessant zu sein, ist eine offene Frage. Schließlich gibt es mit MDR-Info, NDR-Info, B5-Aktuell, HR-Info und SWR-Cont.ra eine etablierte Konkurrenz.
Sollte DRM auf Mittelwelle hauptsächlich von öffentlich-rechtlichen Sendern für die Parallelausstrahlung von bereits existierenden UKW-Programmen genutzt werden, wäre das für die Hörer kein großer Anreiz, in neue Technik zu investieren.Bringt also die Kurzwelle die für einen Erfolg von DRM erforderliche Programmvielfalt? Mit dem Fall des eisernen Vorhangs haben viele Auslandsdienste nach und nach viele ihrer (Fremdsprachen-)dienste teilweise oder ganz eingestellt. Vielen Sendern ist mit dem Ende des kalten Kriegs schlichtweg die Geschäftsgrundlage entfallen. Zusätzlich drehen in Zeiten knapper Kassen die Finanziers den Sendern den Geldhahn zu. Gleichzeitig entstand der Kurzwelle durch neue Medien starke Konkurrenz: PC, Internet, Satelliten-TV konkurrieren zusätzlich um das Zeitbudget des Hörers.
Einige Kurzwellenhörer versprechen sich von der DRM-Einführung eine Renaissance der Kurzwelle: Aufgrund der besseren Audioqualität wird wieder vermehrt Kurzwelle gehört, was wiederum die Sender veranlaßt, ihr Programmangebot auszuweiten, was wiederum zu mehr Hörern führt, was wiederum zu einem verbesserten Programmangebot führt, was zur Folge hat, dass....
Das vermeintliche Problem der Audioqualität war und ist nicht das Problem, warum Auslandssender ihre Programme ganz oder teilweise einstellen. Das eingestellte Programm von Radio Finnland war über Satellit/WRN in UKW-Qualität zu hören. Der deutsche Dienst der BBC London war auf Mittel- und Kurzwelle sehr gut zu hören. Gleiches galt für Radio RSA und andere Stationen. RAE Buenos Aires leistet sich dagegen trotz faktischer Unhörbarkeit weiterhin einen Auslandsdienst für Europa.
Auslandsprogramme werden eingestellt, weil es für den (staatlichen) Senderbetreiber schlichtweg nicht mehr lohnt. Das mag man bedauern, aber es ist so.
Als Hauptvorteil von DRM wird die annähernd UKW-Mono entsprechende Audioqualität angeführt. Diese Qualität wird jedoch nur unter der Voraussetzungen eines einwandfreien Signals erreicht. Sobald aufgrund von Störungen durch benachbarte Sender, Fading, Echoeffekte eine nicht ausreichende Signalstärke zu erwarten sind, wird das Programm im "robusten" Modus ausgestrahlt. Die Übertragungsbandbreite (und somit die Audioqualität) wird zulasten einer höheren Übertragungssicherheit eingeschränkt. Folgender Mitschnitt der Deutschen Welle auf 6140 kHz gibt einen Eindruck von der Audio-Qualität des robusten Modus.
Kritiker bemängeln, dass selbst im besten Übertragungsmodus der Empfang nicht frei von akustischen Artefakten ist und einen metallischen Klang hat. Hier ein kurzer Mitschnitt von RTL, der jedoch um Längen besser klingt als die ersten Testsendungen von Digital 531.
Während man bei AM-Signalen auch bei Signalschwund den Inhalt des Programms, wenn auch in verminderter Qualität bis zu einem bestimmten Grad weiter verfolgen kann, reißt bei DRM ab einer bestimmten Schwelle das Signal abrupt ab. Und darüber, ob man nicht Fadingeinbrüche bei AM dem schnellen DRM-Stottern, das wie ein CD-Player mit schlechter Fehlerkorrektur klingt, vorzieht, ist letztlich eine Frage des Geschmacks. Kleine Kostprobe von Radio Kuwait auf 9880 kHz.
Die Beurteilung der Audioqualität ist auch subjektiv geprägt. Ein passionierter Kurzwellenhörer wird die Deutsche Welle auf 6075 kHz trotz gelegentlicher Fadingeinbrüche durchaus für anhörbar halten. Ein HiFi-Purist wird sicherlich zu einem anderen Urteil kommen. Bei AM kann der Hörer bis zu einem gewissen Punkt subjektiv entscheiden, bis zu welcher Audioqualität er einen bestimmten Sender noch für empfangswürdig hält. Der Inhalt einer Nachrichtensendung kann in AM bis zu einem gewissen Grad trotz Störungen durch benachbarte Sender verfolgt werden. Bei DRM gibt es nur 2 Zustände: Empfang oder kein Empfang (als dritten Zustand könnte man das im Grenzfall auftretende ständige mehr oder minder schnelle Hin- und Herschalten zwischen diesen beiden Zuständen ansehen). Die Grenze zwischen diesen Zuständen ist technisch bedingt und kann vom Hörer nicht beeinflußt werden. Er kann allenfalls entscheiden, wie viele Aussetzer (Perioden ohne Empfang) pro Zeiteinheit in welcher Länge er akzeptiert. Sicher ist, dass dem Hörer während der Aussetzer der Nachrichteninhalt zu 100% entgeht. Sollte die "Dekodierungsschwelle" bei DRM deutlich höher als bei AM liegen, stehen dem "durchschnittlich störungstoleranten Hörer" entsprechend weniger Programme zur Auswahl.
DRM kann nur Erfolg haben, wenn es gelingt, neue Hörer auf Lang-, Kurz- und Mittelwelle zu ziehen. Diese Hörer werden höhere Ansprüche an die Audioqualität stellen als die "traditionellen" AM-Hörer. Empfangsaussetzer werden von der anspruchsvolleren Hörerschaft allenfalls in sehr begrenzten Ausmaß akzeptiert. Eine generelle Frage ist, ob die neu gewonnen Hörer damit klarkommen, dass manche Sender ausbreitungsbedingt zu bestimmten Tages- und Jahreszeiten entweder überhaupt nicht oder nur in schlechterer Qualität zu empfangen sind. Die UKW-verwöhnten Hörer sind gewohnt, einen Sender verläßlich rund um die Uhr zu hören. Dass ein Sender "mal da ist und mal nicht" dürfte vielen Neuhörern nur schwer vermittelbar sein.
DRM arbeitet teilweise noch unter "Laborbedingungen"
Der DRM-Einsatz ist bisher nicht unter "scharfen" Praxisbedingungen getestet worden. Das Problem, dass es keine alltaugstauglichen Empfangsgeräte gibt, mit denen der DRM-Empfang unter Normalbedingungen getestet werden kann, wurde bereits angesprochen. Auch senderseitig kann nicht unbedingt von realistätsnahen Simulation eines umfassenden DRM-Einsatz gesprochen werden. Bisher ist die Zahl der DRM-Sender überschaubar, so dass es kaum zu gegenseitigen Störungen kommt. Um die Alltagstauglichkeit zu beurteilen, wäre ausführlicher zu untersuchen, in welchem Ausmaß es zu Beeinträchtigungen des Empfangs kommt, wenn (starke) DRM-Sender auf benachbarten Frequenzen arbeiten, wie sensibel ein DRM-Signal auf starke Seitenbandstörungen von den Nachbarkanälen reagiert, wie empfindlich DRM ist, wenn 2 oder mehrere DRM-Sender auf der selben Frequenz arbeiten.
Eine anderer Fragenkomplex ist, wie es um die Reichweite eines DRM Senders im Vergleich zu der eines leistungsmäßig entsprechenden AM-Senders bestellt ist. Diese darf unter sonst gleichen Bedingungen (Frequenz, Senderstandort, Gleich- und Nachbarkanalstörungen etc.) nicht unter der des AM-Senders liegen. Denn was würde die bessere DRM-Audioqualität nutzen, wenn diese nur in einem verhältnismäßig kleinen Umkreis um den Sender zu erzielen wäre?
Die Frage der Robustheit gegenüber Störungen ist nicht nur auf der für Störungen anfälligen Kurzwelle, wo DRM bisher fast ausschließlich getestet wird, sondern auch auf Mittelwelle von Bedeutung. Die Mittelwelle zeichnet sich durch sehr unterschiedliche Tages- und Nachtreichweiten aus. Tagsüber ist die Reichweite relativ gering, so dass sich die Sender gegenseitig kaum stören können. Nachts reichen Mittelwellensignale deutlich weiter, praktisch ist auf allen (tagsüber leeren) Kanälen ein starker Sender zu hören. Die gegenseitigen Störungen nehmen entsprechend zu. Nimmt die Nachtreichweite eines DRM-Sender zu oder störungsbedingt ab, muss gegebenenfalls in den robusten Modus zurückgeschaltet werden, um das Versorgungsgebiet "zu halten"? Letzteres dürfte sich bei reinen Musiksendern verbieten.
Zumindest für die lange Übergangsphase des Parallelbetriebs von AM und DRM ist auch zu untersuchen, wie stark Stationen, die in konventioneller Amplitudenmodulation (AM) senden, durch auf der gleichen oder auf benachbarten Frequenzen arbeitende DRM-Sender beeinträchtigt werden. Stört das DRM-typische Rauschen beim AM-Empfang mehr als das bei Störungen durch andere AM-Sender der Fall ist? Während ein analoges Signal nur in Modulationsspitzen die Bandbreite voll ausnutzt, ist das bei einem digitalen Signal ständig der Fall. Somit werden Sender, die auf der gleichen oder auf benachbarte Frequenzen arbeiten, wesentlich stärker gestört.
Das hier erhebliches Störpotenzial vorhanden ist, zeigen die DRM-Tests des kroatischen Rundfunks auf 594 kHz. Der kroatische Sender (Sendeleistung 10 kW) beeinträchtigt den Empfang des auf der gleichen Frequenz arbeitenden Hessischen Rundfunks (Sendeleistung 90 kW/250 kW) in weiten Teilen Deutschlands. Zeitweise machen sich diese Störungen selbst in Hessen bemerkbar.
Rundfunksendungen, die über terrestrische Sender ausgestrahlt werden, richten sich "an alle".
Die bisherige analoge Übertragungstechnik ermöglicht es nicht, bestimmte Hörergruppen vom Empfang
eines Senders auszuschließen.
Durch die Digitalisierung des Rundfunks könnte sich das zukünftig ändern. In DRM-Empfängern
sitzt ein kleiner Computer, der für die Dekodierung des DRM-Signals zuständig ist. Theoretisch ist es
möglich, dem DRM-Signal eine Kennung hinzuzufügen, die den Empfang eines bestimmten Senders mit einem
"normalen" DRM-Radio unterbindet. Nur wer zahlt, wird für den Empfang freigeschaltet. Im Fernsehbereich
ist "Pay-TV" schon lange Realität, beim Satellitenradio "Worldspace Radio" wurden die frei
empfangbaren Radioprogramme inzwischen weitgehend durch verschlüsselte Bezahlprogramme ersetzt.
Denkbar wäre auch, dass diese Technik eingesetzt wird, um den Empfang "politsch unerwünschter" Sendungen zu unterbinden. Im Prinzip müßte dazu nur die Logik des "Pay-Radios" umgedreht werden: Nur Sender, die eine bestimmte Kennung aufweisen, werden dekodiert. Welche Möglichkeiten die Digitaltechnik hier bietet, zeigen die Regionalcodes bei DVDs. Eine DVD mit dem Regionalcode 1, läuft nur in DVD-Playern der Länder der Region 1, eine mit Regionalcode 2 nur in Region 2-Ländern und eine mit Regionalcode 3 nur in Region 3- Ländern zu hören!
Wie kurz die Halbwertzeit im Digtalzeitalter ist, zeigt die Diskussion über das Vorhaben einiger privater TV-Veranstalter, ihre Programme über das terrestrische Digitalfernsehen DVB-T zu verschlüsseln und für den Empfang Gebühren zu erheben. Für die Zuschauer bedeutet das u.a., dass sie sich - wenige Jahre nach der DVB-T Markteinführung - neue DVB-T Settop-Boxen kaufen müssen, in die Dekoder zum Entschlüsseln eingebaut sind.
Gibt es überhaupt ausreichenden Bedarf für DRM - wie groß ist die Zahl der Hörer, die bereits sind, in DRM Geräte investieren und DRM-Programme zu hören?
Zunächst erscheint es plausibel, dass die bessere Audioqualität von DRM zu zahlreichen neuen Hörern führt. Vor ein- bis zwei Jahrzehnten wäre das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch so gewesen. Privatradio, Satellitenfernsehen, Bezahlfernsehen (Premiere), Internet, PCs, gab es nicht damals nicht oder steckten noch in den Kinderschuhen. Heute konkurrieren Dutzende frei empfangbare Radiosender um die Gunst der Hörer, viele Konsumenten haben die Auswahl von 50 und mehr TV-Satellitenkanälen, über Satellit (WRN) sind bereits heute zahlreiche in- und ausländische Radioprogramme in UKW-Qualität zu hören, das Internet ermöglicht jederzeit den zielgerichteten Abruf von Informationen. Ob angesichts dieses stark ausgeweiteten Medienangebots und der neuen Verbreitungstechnologien heute eine ausreichende Anzahl an Hörern zusätzlich DRM akzeptiert, ist keineswegs sicher.
Wie groß ist also in dieser Situation die Bereitschaft der Hörer, in DRM-taugliche Empfänger zu investieren?
Bei musikorientierten Programmen dürfte die Attraktivität von DRM eher als gering anzusehen sein. Reine DRM-Musiksender konkurrieren mit den zahlreichen etablierten Musikprogrammen auf UKW. Da DRM im Vergleich zu UKW nur "quasi"-UKW Qualität - bei Kurzwellenempfang zusätzlich mit der Gefahr gelegentlicher Aussetzer - bietet, gibt es nur einen geringen Anreiz, vom bisherigen UKW-Dudelsender zu einem DRM-Dudelsender zu wechseln.
Bei Informationsprogrammen und Auslandsdiensten stellen die Hörer nicht so hohe Anforderungen an die Audioqualität wie bei Musiksendungen. Prinzipiell würde die "quasi"-UKW Qualität von DRM den Ansprüchen vieler Hörer gerecht werden. Dennoch bedeutet das nicht, dass diese Hörerschicht massenweise DRM-Radios kauft und DRM-Sendungen hört, da hier die oben erwähnte Konkurrenz durch die etablierten Medien und Verbreitungswege groß ist: Expatriots (Auslandsdeutsche), Geschäftsreisende und Urlauber sind heutzutage meistens nicht mehr auf Kurzwellensendungen angewiesen, um sich über ihr Heimatland zu informieren. In vielen Urlaubsgebieten gibt es (deutschsprachige) Touristensender auf UKW, viele Hotelzimmer sind mit TV-Geräten ausgestattet sind, mit denen via Satellit ein oder mehrere deutsche Radio und TV-Programme und/oder DW-tv zu empfangen sind, internationale Auslandsdienste unterhalten in größeren Städten Relaisstationen auf UKW und Mittelwelle (z.B. die BBC in Berlin, die DW in Moskau). Dank leistungsstarker Sender und Relaisstationen können viele internationale Kurzwellenstationen auch in herkömmlichen AM in weiten Teilen der Welt in guter Qualität empfangen werden. Zusätzlich können Informationen über das Internet abgerufen werden.
Bei den Hörern ist bereits die erforderliche Technik (Satellitenschüssel, analoger (Welt-)Empfänger, Internetanschluß) zum Empfang über die bisher üblichen Verbreitungswege vorhanden. Es wird sich noch zeigen müssen, ob die Hörer im erforderlichen Ausmaß bereit sind, in DRM-taugliche Empfänger zu investieren. In Entwicklungsländern, einem der Hauptzielgebiete der internationalen Auslandsdienste, stellt sich diese Frage auf lange Sicht überhaupt nicht, da dort ein Radio oft ein Wertgegenstand und ist und sich viele Hörer einen DRM-Empfänger nicht leisten können.
Um die Beinträchtigungen des Empfangs von herkömmlichen AM-Sendern durch die breitbandigen
DRM-Signale auf ein Minimum zu beschränken, könnte man den DRM-Sendern exklusive Frequenzbereiche
zuweisen. Zumindest auf Kurzwelle sollte eine solche Aufteilung aufgrund des im Vergleich zur Mittelwelle
relativ großen "Platzangebots" machbar sein. Wenn keine zusätzlichen Frequenzbereiche für
DRM-Rundfunk zu Verfügung gestellt werden können, wäre auch eine Trennung innerhalb der
bestehenden Rundfunkbänder möglich.
Auf Glenn Hausers renommierter Webseite "World of radio" wird berichtet, dass der Vorsitzende des
technischen DRM-Kommitees, Don Messer, auf einen entsprechenden Vorschlag angesprochen, erwiderte
"that would kill DRM" [das wäre das Aus für DRM]. Sollte diese Aussage
tatsächlich so getätigt worden sein, kann man daraus eigentlich nur
schließen, dass DRM aus eigener Kraft sich nicht am Markt durchsetzen kann. Es bedarf dazu massiver
Störungen des AM-Rundfunks.
Der Hauptvorteil von DRM besteht in einer verbesserten Audioqualität, die jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen erreicht wird. Dieser Vorteil wird durch einige Nachteile erkauft. Bisher ist Digital Radio Mondial sowohl wegen des dünnen Programmangebots als auch des dürftigen Angebots an Empfängern weitgehend eine Veranstaltung unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Angesichts des bereits heute schon überbordenden Medienangebots kann sich die Frage aufdrängen, ob mit DRM ein nicht vorhandenes Problem gelöst wird.
Ob sich DRM auf breiter Front durchsetzen kann, ist auch 2 Jahre nach Aufnahme des Regelbetriebs offen. Das ebenfalls mit vollmundigen Versprechungen gestartete Projekt "Digitales Satelliten Radio" (DSR) wurde inzwischen sang- und klanglos eingestellt. Digital Audio Broadcasting (DAB) führt in Deutschland seit Jahren ein Mauerblümchendasein. Hier sind erste Absetzbewegungen bei Rundfunkanstalten und Landesmedienanstalten bereits sichtbar. Man versucht unter dem neuen Namen Digital Radio einen neuen Start. In Schweden wurde sogar beschlossen, DAB-Sendungen landesweit einzustellen.
Es ist nicht auszuschließen, dass aufgrund der zunehmenden Störungen durch DRM vor allem die Kurzwelle weiter an Attraktivität verliert. Schließlich wird der überwiegende Teil der Hörer noch lange konventionelles AM hören.