Polemik und schwache Argumente - Stellungnahme zum Beitrag „Oberflächlichkeit der Betrachtung als Kern kleinkarierten Denkens“ im Radio-Kurier


Unter der Überschrift "Oberflächlichkeit der Betrachtung als Kern kleinkarierten Denkens" erschien in Heft 2/07 des Radio-Kurier eine Kommentierung meiner u.a. auf dieser Webseite veröffentlichten Bilanz des dreijährigen DRM-Regelbetriebs. Bereits die Überschrift lässt einen unsachlichen Stil vermuten. Mit Polemik, Unterstellungen und Verdrehungen versucht die Autorin Valentina Krasnopolskaya-Jolkver, übrigens eine Mitarbeiterin der Deutschen Welle, ihre argumentative Schwäche auszugleichen.

In folgender Erwiderung soll zunächst anhand ausgewählter Beispiele dargestellt werden, wie Frau Krasnopolskaja-Jolkver in ihrem Beitrag mit Unterstellungen, Anspielungen und Verdrehungen arbeitet. Danach werden die Versuche von Frau Krasnopolskaja-Jolkver, DRM als zukunftsweisende Technologie darzustellen, kritisch betrachtet.

Der Beitrag von Frau Krasnopolskaja-Jolkver steht auf der Homepage der ADDX als PDF-Datei zum Download bereit.

1. Polemik und Unterstellungen

Frau Krasnopolskaja-Jolkver schreibt in der Einleitung ihres Beitrags von einem „wachsenden Entsetzen“, dass sie beim Lesen der DRM-Bilanz befallen habe. Sie hielt es sogar für erwähnenswert, dass sie es geschafft habe, die eine DIN-A4-Seite umfassende Bilanz bis zum Ende zu lesen.
In einem Zustand starker emotionaler Erregung ist man im Regelfall nicht in der Lage, gründlich zu lesen, Argumente klar zu analysieren, Gedanken zu strukturieren, und sachlich zu formulieren. Vermutlich war das auch bei Frau Krasnopolskaja-Jolkver der Fall als sie ihren Standpunkt für den Radio-Kurier verfasst hat. Anders sind folgende Verdrehungen und Unterstellungen kaum zu erklären.

1.1. Schräger geschichtlicher Vergleich

Zitat Krasnopolskaja-Jolkver: "Und zum Schluß gibt der erbarmungslose Kritiker der neuen Technologien den Ratschlag, allen, die an DRM beteiligt sind, Überlegungen über ein Ausstiegszenario aus DRM und damit aus dem 21. Jahrhundert anzustellen. Ich hoffe, dass es nie dazu kommen wird und dass solche extrem feindliche Einstellungen es niemals schaffen werden, DRM zur ewigen Emigrantin zu machen und aus Europa zu Gunsten von anderen Regionen zu vertreiben. Die Geschichte kennt dazu leider viele Beispiele.

Frau Krasnopolskaja-Jolkver unterstellt mir eine "extrem feindliche Einstellung", die dazu führe "DRM zur ewigen Emigrantin zu machen und aus Europa ... zu vertreiben." Die entsprechende Passage schließt mit dem Satz "Die Geschichte kennt dazu leider viele Beispiele". Diese Wortwahl und solche Formulierungen hätte man erwartet, wenn es um eine Antwort auf einen Beitrag gegangen wäre, in dem zur Volksverhetzung aufgerufen wird. Im Zusammenhang mit der kritisierten DRM-Bilanz sind sie vollkommen unangemessen und einfach nur billig. Wenn Frau Krasnopolskaja-Jolkver Technik- bzw. Fortschrifttsfeindlichkeit unterstellen will, hätte sie mit Leichtigkeit eine angemessenere Formulierung, wie z.B. "Es wäre nicht das erste Mal, dass eine erfolgversprechende Technik durch Bedenkenträger verhindert wird" finden können.
Zudem überschätzt Frau Krasnopolskaja-Jolkver die Bedeutung von DRM gewaltig, wenn sie einen Ausstieg aus der DRM-Technik mit einem Ausstieg aus dem 21. Jahrhundert gleichsetzt (wobei ungeklärt bleibt, wie man überhaupt aus einem Jahrhundert aussteigen kann).

1.2. Angebliches Geständnis von Oberflächlichkeit

Zitat aus der DRM-Bilanz: Bei oberflächlicher Betrachtung liegt die Erfolglosigkeit von DRM darin begründet, dass die Geräteindustrie keine DRM-Empfänger auf den Markt bringt. Von Exoten wie Morphy Richard und Starwaves abgesehen. Die nicht vorhandenen Empfänger sind nur das Symptom, nicht jedoch die Ursache des DRM-Desasters. Es gibt nur zwei Erklärungen für das Ausbleiben der DRM-Empfänger: Entweder gibt es drei Jahre nach Aufnahme des Regelbetriebs immer noch ungelöste technische Probleme oder die Geräteindustrie schätzt die Chancen von DRM eher bescheiden ein.

Frau Krasnopolskaja-Jolkver greift aus dieser Passage das Wörtchen „oberflächlich“ heraus und konstruiert daraus die beiden folgenden Aussagen.

Zitat Krasnopolskaja-Jolkver: "Aus dem zweiten Absatz des Textes zog ich den Schluss, dass der Autor zugegebenermaßen aus einer „oberflächlichen Betrachtung“ heraus versuchte, die Meinung der DX-Gemeinschaft zu beeinflussen.

Zitat Krasnopolskaja-Jolkver: "Schon im nächsten Abschnitt schreibt der Autor über die „Erfolglosigkeit des DRM“, bescheidene Chancen“, „ungelöste technische Probleme“ und „DRM-Desaster“. Ich möchte hoffen, dass alles nur aus „oberflächlicher Betrachtung“ entstand, wie es der Autor selbst gestanden hat.

Frau Krasnopolskaja-Jolkver schiebt mir durch Manipulation und Verbiegen von Sätzen Aussagen unter, die ich nicht getätigt habe. Aus dem Satz, dass "bei oberflächlicher Betrachtung die Erfolglosigkeit von DRM darin begründet liegt, dass die Geräteindustrie keine DRM-Empfänger auf den Markt bringt", kann man nicht wie Frau Krasnopolskaja-Jolkver ableiten, dass "alles nur aus 'oberflächlicher Betrachtung' entstand, wie es der Autor selbst gestanden hat". Im Anschluss an besagten Satz habe ich ausgeführt, dass bei nicht-oberflächlicher Betrachtung die Verweigerung der Geräteindustrie entweder auf technische Probleme oder auf pessimistische Markteinschätzungen der Industrie zurückzuführen ist. Wie man daraus ein Eingeständnis konstruieren kann, bleibt ein Rätsel. Manipulation von Aussagen sind im Rahmen einer seriösen Diskussion nicht zulässig. Insbesondere bei einer Mitarbeiterin einer renommierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt sollte man eine andere Diskussionskultur erwarten können.

1.3. Unterschieben von Äußerungen

Zitat DRM-Bilanz: Es ist doch erstaunlich, dass die Anbieter von Sendertechnik ihre Hausaufgaben und somit ihr Geschäft bereits gemacht haben. Auf Kosten des Steuer- und Gebührenzahlers wurden etliche AM-Sender auf DRM-Betrieb umgerüstet bzw. ganz durch neue, DRM-fähige Sender ersetzt. Dass diese Sender - zumindest derzeit - nicht benötigt werden, zeigt beispielsweise der Umstand, dass wir über viele dieser Sendeanlagen die Programme der Stimme Russlands in Englisch für Fernost auf 603, 630, 693 und 1575 kHz hören dürfen. Vermutlich wären viele dieser (überflüssigen) Investitionen ohne die DRM-Technik unterblieben.

Zitat Krasnopolskaja-Jolkver: "Es amüsierte mich besonders die Kritik an der Stimme Russlands (VoR). Die VoR sendet sowohl auf Kurz-, als auch auf Mittelwelle in DRM, aber nur auf 693 kHz in Berlin und nicht auf vier verschiedenen MW-Frequenzen

Frau Krasnopolskaja-Jolkver amüsiert sich in ihrer Erwiderung über die von mir vermeintlich geübte Kritik an der Stimme Russlands. Sie teilt den Lesern mit, dass die Stimme Russlands sowohl auf Kurzwelle als auch über Mittelwelle 693 in DRM sendet. Ich habe mich nicht zum Einsatz von DRM-Frequenzen der Stimme Russlands geäußert und nie behauptet, dass die Stimme Russlands (nur) auf vier MW-Frequenzen in DRM sendet. Ich habe kritisiert, dass seit langem überflüssige Sendeanlagen nicht verschrottet sondern auf DRM umgerüstet und (zur Zeit größtenteils in AM) weiter betrieben werden. Als Beleg für die Überflüssigkeit wurde beispielhaft angeführt, dass über Sender in Königslutter (630), Berlin (603, 693), Dresden (1431) und Burg (1575) um 11.00 Uhr Sendungen in englischer Sprache für die große Weite Welt übertragen werden. Die Tagesreichweite dieser Senderanlagen beträgt ca. 200 bis 300 km.

2. Die Argumente

Der Beitrag von Frau Krasnopolskaja-Jolkver erhält durchaus auch einige diskussionswürdige Aspekte, die nachfolgend analysiert und kommentiert werden.

2.1. Digitalisierung als zwingende Entwicklung

Zitat Krasnopolskaja-Jolkver: „Die Zukunft der Technik gehört in allen Bereichen den digitalen Formaten. Die Digitalisierung des Fernsehens ist schon zum Alltag geworden und es verwundert niemanden...“

Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Natürlich kann man einen Eierkocher mit der Begründung digitalisieren, dass der Radiowecker inzwischen auch digital ist. Digitalisierung hat nur dort einen Sinn, wo sie dem Anwender Vorteile verschafft und wo sich aufgrund dessen ein Markt für die digitalisierten Produkte entwickelt.
Beim digitalen terrestrischen Fernsehen (dvb-t) ist das der Fall. Der Kunde bekommt im Vergleich zum alten analogen Fernsehen deutlich mehr Programme geboten. Kurz nach Aufnahme des dvb-t Regelbetriebs in Berlin war ein umfangreiches Angebot an kleinen grauen Kisten, Settop-Boxen genannt, im Handel erhältlich, die das digitale Antennensignal in ein analoges Signal umwandeln, das die vorhandenen Fernsehgeräte verarbeiten können. Innerhalb kurzer Zeit hat sich der Preis der Setttop-Boxen drastisch reduziert. Die Konsumenten können ihre vorhandenen TV-Geräte mit einer verhältnismäßig geringen Investition digitaltauglich machen. Inzwischen gibt es ein breites Angebot von TV-Geräten mit integriertem dvb-t-Tuner: Vom kleinen handtellergroßen Empfänger bis hin zu riesigen LCD- und Plasmageräten. Dass dvb-t vier Jahre nach dem Sendestart in Deutschland ein Erfolg ist, kann in der Tat niemand verwundern.
Anders die Verhältnisse bei DRM. Mehr als drei Jahre nach Aufnahme des Regelbetriebs ist das Geräteangebot mehr als spärlich und teuer, zusätzliche Programmangebote sind per DRM so gut wie nicht zu empfangen. Im Gegensatz zu dvb-t können vorhandene Gerätschaften nicht weitergenutzt werden. Warum ist die Industrie bei DRM im Gegensatz zu dvb-t nicht willens oder nicht in der Lage, drei Jahre nach Aufnahme des Regelbetriebs ein akzeptables Angebot an DRM-Empfängern in den Handel zu bringen? Dass ist die Frage, die Anlass zum Wundern geben sollte!

2.2. DRM zur Versorgung von Flächenländern

Zitat Krasnopolskaja-Jolkver:„Riesige Erdflächen wie Russland, China und Indien werden zu den ersten flächendeckenden DRM-Regionen...“

Die Idee, mit wenigen DRM-Sendeanlagen riesige Landflächen mit Rundfunkprogrammen in guter Audioqualität versorgen zu können, klingt verlockend. Es ist jedoch nicht damit getan, Flächenländer wie China, Russland und Indien mit DRM-Sendern zu bestücken und anschließend zu "flächendeckenden DRM-Regionen" zu erklären. Interessanter ist die Frage, wie groß das Hörerpotenzial ist und ob die Hörer das neue Angebot annehmen. Auch in gilt Flächenstaaten gilt, dass DRM wirtschaftlich nur dann erfolgreich ist, wenn die Hörerschaft eine bestimmte Mindestzahl erreicht.
Man kann nicht alle Einwohner eines Flächenlandes zu den potenziellen DRM-Hörern zählen. Auch in Flächenstaaten ist in vielen Städten eine ausreichende Versorgung mit UKW-Programmen vorhanden. Der Bedarf an DRM dürfte sich in diesen Stadtregionen in Grenzen halten, da DRM im Vergleich zum vorhandenen UKW-Angebot weder zu einer Verbesserung der Empfangsqualität noch zu einer nennenswerten Erhöhung der Programmauswahl führt.
Bleiben also vorrangig die Bewohner in den ländlichen Gebieten als potenzielle DRM-Kundschaft. Laut Fischer-Weltalamanach beträgt der Anteil der städtischen Bevölkerung in dem von Frau Krasnopolskaja-Jolkver angeführten Beispiel Russland bei 77%. In Kasachstan beträgt der Anteil 60%, in Brasilien bei 80%, in der Mongolei bei 62%, China und Indien liegen um die 30%.
Die spannende Frage ist, ob Bewohner in den dünnbesiedelten Gebieten, selbst wenn sie wollten, sich einen DRM-Empfänger leisten können. In vielen der flächenmäßig großen Schwellenländer und erst recht in den Entwicklungsländern liegt das verfügbare Einkommen deutlich unter dem Westeuropas. In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass es bei den Einkommen oft ein deutliches Stadt-Land-Gefälle zu beobachten ist. Ein Radio stellt dort oft noch einen „Wertgegenstand“ dar, der nicht ohne weiteres entsorgt wird.
In der Anfangsphase einer innovativen Technologie sind die Gerätepreise hoch. Voraussetzung dass die Gerätepreise schnell sinken, ist ein intensiver Wettbewerb. Dieser ist bei DRM auch drei Jahre nicht zu beobachten. Im Moment trifft in den ländlichen Regionen der Flächenstaaten ein hoher Preis auf ein vergleichsweise niedriges Einkommen.

2.3. DRM Empfänger kommen auf dem Markt

Zitat Krasnopolskaja-Jolkver: "Eine der ältesten und bekanntesten Radioproduktionsfirmen hat von der Moskauer Behörde RTRN (Russian Television and Radio Network) den Auftrag für die Produktion von DRM-Geräten bekommen. Der Prototyp des russischen Gerätes wird zurzeit in Deutschland getestet. Demnächst werden die Russen ein DRM-Autoradio produzieren.

Für wie viele Geräte hat die Behörde den Auftrag gegeben: Für 1.000, 10.000 oder für 100.000 DRM-Radios? Was gedenkt die Behörde mit den Empfängern zu tun? Es ist ja nicht damit getan, dass eine Behörde eine Produktionsauftrag erteilt und die Geräte anschließend ins Lager stellt. Wie kommen die Geräte zum Kunden, welche Vergabekriterien gibt es, werden die Geräte zu Vorzugskonditionen an Behördenmitarbeiter ausgegeben? Wann werden die Geräte, für die angeblich der Produktionsauftrag erteilt worden ist, produziert und ausgeliefert? Das ganze klingt doch etwas nach Planwirtschaft. Auch eine Behörde kann einen DRM-Erfolg nicht per Produktionsauftrag erteilen!
Im übrigen wurden im Zusammenhang mit DRM oft Geräte und Markteinführungstermine angekündigt und fast ebenso oft nicht eingehalten. So wurde beispielsweise am 31.7.2005 auf der zur Technisat-Gruppe gehörenden Infosat-Seite mitgeteilt, dass man eine „richtig Eier legende Wollmilchsau“ entwickle, die nicht nur DAB (Digital Audio Broadcast) sondern auch DRM (Digital Radio Mondial) über Mittel-, Lang- und Kurzwelle empfangen könne. Seit nunmehr fast 2 Jahren hört man nichts mehr von diesem Projekt. Auch Sangean hat die Markteinführung des lange angekündigten DRM-Empfängers mehrmals verschoben. Kürzlich teilte Sangean auf Anfrage mit, dass man nunmehr davon ausgehe, dass das Gerät voraussichtlich erst im September oder Oktober 2007 auf dem Markt sein werde. Selbst Kenner haben inzwischen den Überblick über die Zahl der Ankündigungen und Verschiebungen verloren. Auf der IFA 2005 ausgestellte Prototypen vorgestellte DRM-Autoradios anderer Hersteller sind bislang ebenfalls nicht zur Marktreife gekommen.
Nicht Ankündigungen, Prototypen und Produktionsaufträge sondern bei Karstadt, MediaMarkt, Saturn und im Fachhandel erhältliche Geräte zählen.

3. Abwegige Gegenargumentation aufgrund oberflächlichen Lesens

Die Verfasserin des Werks "Oberflächlichkeit der Betrachtung als Kern kleinkarierten Denkens, diskutiert bestimmte Aspekte in einer Form, die vermuten lassen, dass sie den Originaltext nicht sonderlich gründlich gelesen hat. In ihrer Gegenargumentation greift sie nicht den Kern der in der DRM-Bilanz aufgeführten Thesen und Argumenten auf und versucht, diese zu widerlegen. Sie konstruiert teilweise aus Satzfragmenten und Formulierungen Aussagen, die ich nicht gemacht habe und diskutiert diese anschließend. Nachfolgend einige Beispiele

3.1. Die angebliche Wunschliste

Zitat Krasnopolskaja-Jolkver: "Der Autor wirft der Industrie mit Ausnahme von ein Paar „Exoten“ vor, sie würde keine Geräte auf den Markt bringen. Weiterhin bringt der Autor seine Wunschliste der renommierten Firmen, solche wie Sony, Panasonic, Samsung oder Blaupunkt, die ein DRM-Gerät anbieten müssten. Wann hat eine der genannten Firmen überhaupt zuletzt einen neuen Weltempfänger auf den Markt gebracht?

Zitat aus der DRM-Bilanz: Sendertechnik ist nicht weniger komplex als Empfängertechnik. Im DRM-Konsortium sind einige namhafte Hersteller der Unterhaltungselektronik vertreten. Warum hat das DRM-Konsortium nicht dafür Sorge getragen, dass parallel zur Sendertechnik auch die Empfangstechnik zur Marktreife gebracht wurde? Bei anderen nicht weniger komplexen Innovationen wie DVB-T, UMTS, DAB waren schließlich auch die erforderlichen Endgeräte rechtzeitig auf dem Markt. Wenn DRM jemals ernst gemeint war, hätte das DRM-Konsortium im Rahmen der Markteinführungsstrategie dafür sorgen müssen, dass zum Start zumindest ein funktionstüchtiges DRM-Gerät erhältlich ist.

Der Autor hat keine Wunschliste mit Firmen erstellt, die DRM-Geräte auf den Markt bringen sollten, sondern sich die Frage zu stellen erlaubt, warum nicht einmal die im DRM-Konsortium vertretenen Firmen Sony, Panasonic, Samsung und Blaupunkt DRM-Geräte auf den Markt bringen. Man sollte meinen, diese Firmen sind Mitglied im DRM-Konsortium, weil sie sich ursprünglich davon etwas versprochen haben. Nämlich einen Markt. Warum bedienen sie diesen Markt nicht? Statt dafür eine plausible Erklärung zu liefern, philosophiert Frau Krasnopolskaya-Jolkver darüber, wann welche der genannten Firmen zuletzt einen Weltempfänger auf den Markt gebracht haben. Die Erklärung für das Ausbleiben von DRM-Empfängern aus dem Kreis der Mitgliedsfirmen des DRM-Konsortiums dürfte recht einfach sein: Diese Firmen haben mittlerweile erkannt, dass kein tragfähiges Marktpotenzial vorhanden ist. Bislang haben nur weitgehend unbekannte Firmen wie Morphy Richards und Starwaves DRM-Radios auf den Markt gebracht. Letztere übrigens auch mit freundlicher Unterstützung der niedersächsischen Steuerzahler.

3.2. Die extrem lokale profitreiche UKW-Perspektive

Zitat Krasnopolskaja-Jolkver: Herr Kugland hingegen sieht das Problem extrem lokal aus der örtlichen profitreichen UKW-Perspektive und nicht global. Wegen dieser Kurzsichtigkeit kommt der Autor sofort am Anfang zur vernichtender Bilanz: „die Zukunft lässt aufgrund konzeptioneller Probleme keinen Erfolg von DRM vermuten“

Zitat DRM-Bilanz: „Für die nationale Versorgung und zur Übertragung von Musikprogrammen taugt DRM aufgrund der im Vergleich zu UKW schlechteren Übertragungsqualität nicht oder nur bedingt. Für die internationale Versorgung bieten Satellit und Internet im Vergleich zu DRM die gleiche oder sogar eine bessere Audioqualität bei besserer Übertragungssicherheit. Bei DRM ist mit Empfangsproblemen bis hin zum längerem Totalausfall zu rechnen. Die Konkurrenz durch das Internet wird zunehmen, da die Zahl der breitbandigen Internetanschlüsse weiter steigt. Kurz- und Mittelwelle verlieren ihr Monopol, Rundfunkprogramme über weite Distanzen zu übertragen“.

Das Problem wurde nicht nur aus der "extrem lokal aus der örtlich profitreichen UKW-Perspektive" (man lasse sich diese Formulierung auf der Zunge zergehen...) gesehen. Hätte Frau Krasnopolskaja-Jolkver gründlich gelesen, wäre ihr nicht entgangen, dass zuvor eine Unterscheidung zwischen "nationaler" und "internationaler" Versorgung getroffen wurde. Die breitbandigen Internetzugänge und Satellit machen DRM sowohl bei der nationalen als auch bei der internationalen Versorgung Konkurrenz. Eigentlich sollte schon aufgrund der Erwähnung der Kurzwelle, die ja bekanntlich in Europa äußerst selten für die lokale Versorgung eingesetzt wird, klar sein, dass nicht nur aus einer „extrem lokalen“ Perspektive argumentiert wurde.

3.3. Was ist ein Exot?

Da die Frage gestellt wurde, möchte ich Sie auch beantworten:

Zitat Krasnopolskaja-Jolkver:" Es interessiert mich sehr, welche Kriterien eine Firma erfüllen muss, um zu den „Exoten“ zu zählen. Die Firma „Morphy Richards“ wurde Mitte der dreißiger Jahre in Großbritannien gegründet. Bis jetzt ist es eine der bedeutendsten und bekanntesten Marken in England. Aus britischer Sicht also überhaupt kein Exot."

„Exotisch“ bedeutet in diesem Zusammenhang keine bzw. nur eine sehr geringe Marktbedeutung. Das trifft mit Ausnahme von England für Morphy Richards zu. Übrigens erwähnt diese in England bedeutende und bekannte Marke das unter ihrem Namen vertriebene DAB-DRM-Radio nicht auf ihrer Webseite www.morphyrichards.co.uk (Stand 29.3.2007). Normalerweise stellen Firmen bedeutende technische Innovationen auffällig und groß heraus. In Großritannien bietet Morphy Richards das DRM Radio nicht an.

4. Eine vermeintliche Erfolgsbilanz

Am Ende ihres Aufsatzes zieht Frau Krasnopolskaja-Jolkver folgende positive Bilanz:

Zitat Krasnopolskaja-Jolkver: "Die tatsächliche Bilanz von DRM sieht anders aus und kann sich durchaus sehen lassen. Hier einige aktuelle Zahlen im Vergleich zum Stand von 2003:
- Die Zahl der Mitglieder des DRM-Konsortiums ist in den letzten vier Jahren von 80 auf 106 gestiegen. Dabei sind 34 Länder vertreten. Zusätzlich zu den Mitgliedern gibt es über 60 Supporter, unter welchen auch Funkamateure und Wellenjäger(DXer) sind.
- Die Zahl der Broadcaster hat sich verdoppelt, es sind derzeit 38 aus 22 Ländern.
- Gesendet wird täglich, insgesamt ca. 770 Stunden, meistens Richtung Europa.
- Das Interesse an DRM hat sich in letzter Zeit auch außerhalb der europäischen Grenzen verbreitet. Dafür sind Entwicklungen in Regionen wie Russland, Indien, Südamerika und Afrika der beste Beweis.
- Die ersten DRM-Geräte sind schon für einen akzeptablen Preis erhältlich und viele andere werden folgen."

Diese vermeintliche Erfolgsbilanz ist keine: Es ist irrelevant, wieviele Mitglieder das DRM-Konsortium hat und dass sich deren Zahl seit 2003 um sage und schreibe um 26 erhöht hat. Die Zahl der „Broadcaster“ und der DRM-Sendestunden ist allenfalls eine notwendige aber keineswegs eine hinreichende Bedingung. Maßgebend ist allein die Zahl der Hörer und die ist - aus welchen Gründen auch immer - derzeit verschwindend gering. Man muß die Meßlatte nur entsprechend niedrig hängen, um ein x-beliebiges Ergebnis als Erfolg deklarieren zu können.
Selbst Manager großer Rundfunkstationen sehen die DRM-Technik inzwischen mit Skepsis, wie folgende Aussagen in dem Beitrag "The future of radio", erschienen im World Radio TV Handbook (WRTH) 2007 (Seite 32 bis 39), zeigen: Nigel Chapman, Director BBC World Service äußert, dass er hinsichtlich DRM nicht sehr optimistisch sei. Die BBC behalte lediglich einen Fuß in der Tür, aber investiere im Moment nicht mehr in DRM. David Jackson, Director of Voice of America teilt mit, dass die VoA derzeit keine Pläne habe, in DRM zu senden. Richard Hunt, Head of Broadcast Services at VT Communications schreibt, dass DRM nicht den Fortschritt gemacht habe, den man sich erhofft habe. DRM habe sich seiner Meinung nach zu sehr auf die internationale grenzüberschreitende Hörerschaft konzentriert, die nur einen sehr kleinen Prozentsatz der Gesamthörerschaft umfasse. DRM solle sich verstärkt die lokale (!) Versorgung bemühen.

5. Schlußbemerkung

Der Beitrag von Frau Krasnopolskaja-Jolkver wurde im Editorial des Radio-Kurier als "alternatives Szenario" angekündigt. Mit der für ein Szenario eher unkonventionellen Überschrift Oberflächlichkeit der Betrachtung als Kern kleinkarierten Denkens sowie mit den hier unter Punkt 1 aufgeführten Passagen hatte die Redaktion offensichtlich kein Problem. Darauf, dass Frau Krasnopolskaja-Jolkver u.a. im Ausstrahlungsmanagement der Deutschen Welle tätig ist, dass sie möglicherweise beruflich mit dem Thema DRM in Kontakt kommt und dass sie möglicherweise auch die Interessen ihres Arbeitgebers zu vertreten versucht, wurde in der Februar-Ausgabe des Kurier nicht hingewiesen. Das wurde immerhin in der März-Ausgabe nachgeholt.
Auch bei der Zeitschrift reinhören scheint man keine Probleme mit dem Beitrag von Frau Krasnopolskaja-Jolkver zu haben. Mitherausgeber Mario Gongolsky bescheinigt ihr auf der reinhören -Webseite, dass sie "kenntnisreich über die Anstrengungen, DRM in China und Russland zu etablieren" berichte.

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